Mittwoch, 28. November 2012

Pyramus und Thisbe - ein Fund im Basler Münster


Die Geschichte von Pyramus und Thisbe stammt aus Ovids Metamorphosen. Es ist eine der bekanntesten Geschichten, auch berühmt geworden durch die eher komödiantisch interpretierte Fassung der Geschichte in William Shake-speares Sommernachtstraum. Auch Romeo und Julia weist einige Ähnlichkeiten mit der Geschichte auf. Im Basler Münster sind die Kapitelle im Chorraum mit mythischen Motiven geschmückt, eines davon zeigt die Geschichte von Pyramus und Thisbe. 

Pyramus ist ein sehr schöner Jüngling, Thisbe ein sehr schönes Mädchen. Sie sind Nachbarskinder und kennen sich gut. Als sie älter werden, entflammt die Liebe zwischen ihnen. Doch die Väter verwehren die Ehe und trennen sie voneinander. Doch die Wand zwischen ihrer beiden Häuser hat einen Spalt, wie die Liebenden bald merken. So tauschen sie ihre Worte aus, aber auch nur für Küsse ist der Spalt zu klein. Eines Nachts beschließen sie heimlich die Häuser zu verlassen und sich beim Grab des Ninus zu treffen. Thisbe kommt als erste und setzt sich am Fuß des dort stehenden Maulbeerbaumes.

Da nähert sich eine Löwin, die gerade ein Rind gerissen und so ein blutverschmiertes Maul hatte. Thisbe flieht, verliert aber ihren Schleier. Die Löwin findet diesen und zerfetzt ihn, Thisbe versteckt sich in einer Höhle. Als Pyramus eintrifft und den Schleier im blutverschmierten Maul der Löwin gewahrt, denkt er, dass Thisbe tot sei und nur er selbst das zu verschulden hat. Er tötet die Löwin, wie auf dem Kapitell zu sehen ist:



Daraufhin stürzt er sich aus Schmerz und Scham in sein eigenes Schwert. Das Blut spritzt empor bis zum Maulbeerbaum und färbt die weissen Früchte schwarz. Als Thisbe sich aus der Höhle traut, findet sie ihn sterbend unter dem Baum. Sie bricht in Tränen aus und fleht die Götter an, dass die Früchte des Maulbeerbaumes für immer schwarz sein sollen, als Erinnerung an die zwei Liebenden.




Der Selbstmord des Pyramus auf dem 800jährigen Kapitell ist für moderne Betrachter nicht einfach nachzuvollziehen - es sieht aus, als schwebe der Körper einfach in der Luft. Klarer wird der Fall, wenn man antike Darstellungen zum Vergleich heranzieht: offenbar war es möglich, ein Schwert mit dem Griff nach unten in den Boden zu rammen und sich im wahrsten Sinne des Wortes ‘hineinzustürzen’ – wie man hier auf verschiedenen antiken Darstellungen des mythischen Selbstmörders Aias sieht:


Rotfigurige Vase des Exekias,
ca. 530 v. Chr.,
Schlossmuseum Boulogne-sur-Mer



Etruskische Vase, ca. 400-350 v. Chr.,
British Museum







  • Altgriechische Tonfigur,
    Carlsberg Glyptothek, Kopenhagen









Ein bisschen kurios wird die Sache auf dem Münsterkapitell allerdings, als sich Thisbe ebenfalls tötet,  um wenigstens im Tod bei ihrem Pyramus zu sein:



Dem Bildhauer war die ordentliche Anordnung der Körper auf seinem Kapitell offensichtlich wichtiger als naturalistische Wahrscheinlichkeit ...

Wie dem auch sei: die Götter waren so gerührt von Pyramus' und Thisbes Liebe, dass sie Thisbes Bitte erhörten und der Maulbeerbaum als Andenken an diese Geschichte bis heute schwarze Beeren trägt.


(Und was macht eine antike Liebesgeschichte in einer christlichen Kirche ...?)


Text: Elisa Bösch





Bildquellen:
Basler Münster: Fotos von Elisa Bösch
Exekias-Vase: 
http://www.google.ch/imgresq=aias+suicide&hl=de&client=safari&sa=X&tbo=d&rls=en&biw=1188&bih=657&tbm=isch&tbnid=P9PXIFFDP2mH2M:&imgrefurl=http://www.classics.uiuc.edu/courses/clcv114/overheads_oct_20.html&docid=ph2CYfGukQpF2M&imgurl=http://www.utexas.edu/courses/larrymyth/images/postwar/CG-Ajax-Suicide-Exekias.jpg&w=1200&h=938&ei=3720UJiTEKai4gTdu4D4CQ&zoom=1&iact=rc&dur=190&sig=102231815098498568655&page=1&tbnh=136&tbnw=166&start=0&ndsp=22&ved=1t:429,r:5,s:0,i:100&tx=82&ty=92
Griechische Tonfigur: 
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ny_Carlsberg_Glyptothek_-_Aias_stürzt_sich_ins_Schwert.jpg
Etruskische Vase: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Ajax_suicide_BM_F480.jpg

Kommentare:

  1. Liebe Elisa

    Pyramus und Thisbe symbolisieren die Macht der Liebe und den Liebestod - der Link zum Leiden und zum Opfertod Christi ist da nicht weit. Auch nicht die Interpretation der Geschichte in Hinblick auf das Ideal der ritterlichen Minne.
    Im Mittelalter wurden oft antike Sagen, Fabeln und Rittersagen dargestellt. Sie wurden immer in Verbindung zur christlichen Heilsgeschichte interpretiert. Im Chor des Münsters finden Sie deshalb auch eine Geschichte aus dem Sagenkreis um Dietrich von Bern und Alexanders Greifenflug (Hybris) sowie ein paar Tierfabeln.

    Liebe Grüsse aus der Mediothek

    Christine Ochsner

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    1. danke für die Antwort - und für die Quellenangabe; hab mich bei den anderen Kapitellen schon mehrfach gefragt, was das für Darstellungen sind!
      liebe Grüsse
      Katharina Wesselmann

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