Dienstag, 29. Januar 2013

Schwester Hoffnung


Kleine Seelen werden durch Erfolge übermütig, durch Misserfolge niedergeschlagen.
Epikur, Philosophie der Freude

Haben Sie eine philosophische Frage? Schreiben Sie an Schwester Hoffnung.



Sehr geehrte δελφή ἐλπίδος

Mit diesem persönlichem Schreiben möchte ich Sie um Raut und Beistand bitten. Das Leben erscheint mir trist und farblos, Dinge, die mir ehemals das Liebste waren, können mich nun nicht mehr erfreuen. Die Leere erdrückt mich, ich ziehe mich immer mehr zurück und meine Familie erweist sich dabei nicht als grosse Hilfe. Die innige Liebe zu meiner Frau ist erloschen, das Feuer lodert nicht mehr. Die Sinnlosigkeit meines Daseins hat meine ehemals hochgesteckten Ambitionen dahingerafft. Ich bin nur ein Schatten meiner selbst und streife ruhelos durch mein Gefängnis, das früher ein Ort der Besinnung und des Zusammenseins mit der Familie war. Meine beiden Kinder sollten mich mit Stolz und tiefer Zuneigung erfüllen, aber wie können sie diesen Mann ehren, der ihnen nichts bieten kann, ich schäme mich dafür, dass sie mich Vater nennen müssen. Früher war ich ein geachteter Geschäftsmann, meine Verhandlungstüchtigkeit und Vielsprachigkeit liessen mich zu einem gefragten Manager werden. Den Turnaround vor Augen, wurde mir meine Hochmütigkeit zum Verhängnis, das Risiko war gross gewesen, ich hatte eindeutig zu hoch gepokert. Trotz gross angelegter Werbekampagnen vergrösserte sich der Schuldenberg der Firma, mein Tresor jedoch wurde von Tag zu Tag voller. Ich konnte mir selbst nicht erklären, warum ich plötzlich so viel verdiente, aber die anderen machten ja auch mit. In dieser Firma wollte ich einen ruhigen Lebensabend verbringen, obwohl ich erst 49 bin. Doch genau einen Monat nach meiner Beförderung zum Interimschef und diversen häuslichen Neuanschaffungen flatterte die Hiobsbotschaft ins Haus, fristlose Kündigung, aber ich dürfe meinen 5‘000 fränkigen Bürostuhl behalten, als Abfindung, sozusagen. Nun stehe ich in den Ruinen meines teuer erkauften Lebens, ich frage mich, ob hier der Weg wirklich schon zu Ende ist, kann es das gewesen sein? Dass ich, der erfolgreiche Geschäftsmann, nun meine Tage mit Gartenarbeit verschwenden muss? Ich bitte um eine konstruktive Lösung, die mein Leben wieder gewinnbringend macht und mein derzeit unbeachtetes Know-how wieder zum Tragen bringt. 

Freundliche Grüsse
Anonymus





Lieber Anonymus

Sie denken wie jemand, der entweder sehr jung oder sehr dumm ist. Sie leben für den Moment, längerfristige Folgen beziehen sie nicht in ihre Planung mit ein. Das ist an sich nichts Verwerfliches, gemessen an Ihrem Alter und der Grösse Ihrer Verantwortung, aber eine Methode, die zum Scheitern verurteilt ist. Neben Ihren beruflichen Pflichten sollten auch die Verpflichtungen gegenüber Ihrer Familie nicht ins Abseits geraten. Sie verfolgten einen hedonistischen Lebensstil, ohne Rücksicht auf Verluste strebten sie nach dem Maximum an Genuss. Die Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse stellten sie über das Wohl der Familie und der Firma. Sehen Sie, wohin Sie das gebracht hat. Ihr Umfeld bestand bis jetzt aus Managern, die ihre Geschäfte auf ähnlich egomane Weise betrieben wie Sie. Nun sind Sie wieder ein Teil der Allgemeinheit, einer unter vielen. Sie waren das Paradebeispiel des erfolgsverwöhnten und stumpf gewordenen Gewinners. Doch stellen Sie sich folgende Frage. Hat diese lang anhaltende Glückssträhne sie wirklich als Mensch geformt oder waren  es nicht all die Zeit nur Ihre Frau und Ihre Kinder, die Sie zu dem machten, der Sie nun sind? Halten Sie an dem fest, was Ihnen geblieben ist. Und versuchen Sie diese Sache dieses Mal anders anzugehen. Sie werden sehen, dass Erfolg nur dann von Bedeutung ist, und Sie alle Aufgaben mit derselben Gewissenhaftigkeit erledigen. Auch Ihr Umfeld wird profitieren, wenn Sie als selbstsicherer aber dennoch bescheidener Mensch auftreten. So werden Sie von ganz allein Ihren Weg finden.

Freundliche Grüsse
δελφή ἐλπίδος


Text: Sarah Durrer und Dana Gerber


Bildquelle:
E. Burne-Jones, Die Hoffnung 1861/2, Privatsammlung
http://www.artchive.com/artchive/B/burne-jones/burne-jones_hope.jpg.html


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