Samstag, 16. März 2013

Profilneurose?


Liebe Mirjam Fuchs,

über Ihre Gymnasiasten-Typologie aus der NZZ am Sonntag vom 3. März haben wir uns ziemlich geärgert.

Sie stellen hier fünf gymnasiale Profile vor – auf humorvolle und zugespitzte Weise, das ist uns auch klar. Allerdings bekommt nicht jeder gleichviel ab. Während die mathematisch-naturwissenschaftlich Profilierten ausschliesslich positiv dastehen und Neusprachler, Musiker und Wirtschaftler zwar leicht spöttisch, aber abschliessend doch freundlich beurteilt werden (fashion victims, aber sprachbegabt, Kiffer, aber kommunikativ und sozial, markengekleidet aber gesellschaftlich durchaus durchmischt und vielseitig interessiert), kommen die Altsprachler extrem schlecht weg: sie schreiben zwar gute Maturen, sind aber äusserlich unauffällige Streber und “Lernmaschinen”, die bei Vorträgen und Diskussionen schlecht abschneiden.
Diese Einschätzung wird durch die Illustration zum Text noch unterstrichen: alle Schüler sitzen in einem Kreis und kommunizieren miteinander, während der (geschlechtslose) Altphilologenbücherwurm abseits sitzt und von den anderen abgewandt in einem Buch liest.

Diese Einschätzung finden wir grundfalsch. Wir ziehen uns nicht anders an als unsere Kollegen, die andere Profile belegt haben (siehe Foto). Wir sind keine asozialen Sonderlinge, die nicht kommunizieren können. Im Latein- und Griechischunterricht spielen Vorträge eine genauso grosse Rolle wie in anderen Fächern. Sprache ist von zentraler Bedeutung, und zwar nicht ‘nur’ Grammatik, sondern auch Rhetorik und Stilistik, gerade auch im Deutschen. Inhaltlich bieten die antiken Texte erst recht Faszinierendes: man denke an die spannenden politischen Inhalte, die Caesar oder Cicero verhandeln, an die zwischenmenschlichen Konflikte, die in der griechischen Tragödie thematisiert werden, an die philosophischen Grundfragen, die wir bei Platon finden.

Wir haben Freude an diesen Inhalten und finden sie bis heute interessant und wichtig.
Schade, dass das in Ihrem Artikel so gänzlich untergeht.

Mit freundlichen Grüssen,

Die Griechisch-Schwerpunktfächler der Klassen 3ABD
am Gymnasium am Münsterplatz in Basel


Kommentare:

  1. Als ich diesen Eintrag las, musste ich lachen. Denn im Versuch das "Vorurteil" vom unmodischen Streber zu widerlegen, bekräftigt ihr es noch durch euren sehr geschliffenen Text. Und auch das Foto, das eure Klasse (allein!) zeigt hat bei mir den selben Effekt. Die Jugendlichen, die ich morgens im Zug zur Arbeit sehe, kleiden sich anders (zugegeben nicht alle). Schliesslich ist auch der Hinweis auf die Faszination oder Nützlichkeit der alten Texte nicht ohne Kontroverse: Das Schnurtelefon hat auch eine interessante Geschichte aber heute nutzt es trotzdem keiner mehr.

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    1. "im Versuch das 'Vorurteil' vom unmodischen Streber zu widerlegen, bekräftigt ihr es noch durch euren sehr geschliffenen Text"
      --> wer gut schreibt, ist also ein Streber? und gilt das auch umgekehrt: wer kein Streber ist, kann nicht schreiben ...?

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    2. Na ja. Die allermeisten, die gut schreiben, mussten das auch lange üben.

      Ich habe gar nichts gegen Leute, die viel lernen. Im Gegenteil, ich finde es blöd, dass diese Klasse es überhaupt für nötig hält zu antworten. Schliesslich gibt es etliche, die sich wünschen, sie hätten in der Schule mehr gelernt.

      Ich finde lediglich, dass die Art des Konters ein Eigentor war. Wen die Schulklasse widerlegen will, dass sie "äusserlich unauffällige Streber" sind, dann hätten sie besser ins Blog geschrieben, dass sie keine Zeit für eine ausführliche Antwort haben weil sie jetzt mit ihren Freunden von den anderen Typen abhängen gehen.

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    3. Die deutsche Sprache zu beherrschen, dafür muss man sich nicht schämen und erst gar nicht als "Streber" abstempeln lassen. Überlegen Sie sich doch bitte mal, wie weit wir heute wären, wenn jeder sich dümmer gestellt hätte.

      Wer soll denn sonst noch auf dem Photo sein, ausser die Verfasser des Briefes?

      Dass Sie jugendliche auf ihre Kleidung beschränken, sagt mehr über Sie als über die Jugendlichen aus. An den meisten Schulen kleiden sich die "Altsprachler" wie alle anderen auch. Das es dabei unterschiedliche Geschmäcker gibt, ist kein auf Altsprachen bezogenes Phänomen.

      Im Brief wird ja nicht behauptet, dass antike Texte das einzig wichtige seien.
      Dass die Wichtigkeit des Schnurtelephons bis heute nicht überliefert ist, ist wirklich ein geniales Beispiel, denn damit kann man ganz einfach erörtern, wieso man sogar heute überhaupt noch antike Texte übersetzt: Gerade weil sie wichtig und interessant sind, auch im Kontext zu unserer Zeit. Man merkt schnell, dass es kleine und grosse Probleme gibt, die die Menschheit schon seit eh und je beschäftigen.
      Wussten Sie, dass Sokrates sich schon über die "Jugend von heute" (also seiner Zeit) beschwerte? Soll noch einer sagen, das sei nicht aktuell;)

      Sie versuchen also nur gerade zu erklären, was man als Altsprachen-Schüler schon tausend Mal gehört hat und - oh wunder!- Altsprachen werden trotzdem gelernt!

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  2. also ich finde die klasse hat völlig recht mit ihrer antwort an die nzz - alte vorurteile gegen latein und griechisch werden nicht wahrer, wenn man sie ständig wiederholt

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