Freitag, 12. Juni 2015

Der leise Dieb



Wer den Kreuzgang am Münster durchstreift, dem werden sofort die vielen Steintafeln an den Wänden auffallen. Bei diesen auf den ersten Blick unspektakulären Tafeln handelt es sich um Grabinschriften unserer längst verstorbenen Ahnen. DieseUrbasler’ drückten sich schriftlich fast nur auf Latein aus. Als sie verstarben, beauftragten Hinterbliebene und Verwandte einen Gelehrten, um eine Grabesinschrift anzufertigen. Diese für die Ewigkeit erhaltenen Erinnerungen ehrten den Verstorbenen, und tatsächlich können wir sie auch heute noch mit einigen altsprachlichen Kentnissen übersetzen und einen Einblick in die Leben unserer Ahnen gewinnen.
Eine äusserst interessante Inschrift ist auf einem der Steine zu lesen, nämlich das Zitat Ecce Venio Sicut Fur. Sieh, ich komme wie ein Dieb, glücklich ist, wer mich sieht, so der übersetzte und zurecht gedichtete Wortlaut des Zitats (das Vigilat kann durchaus auch mit bemerken anstelle von sehen übersetzt werden). Wer sagt das? Die populärste Erwähnung des Satzes finden wir in der Bibel, genauer gesagt  in der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament (Apocalypsis 16:15). Da es sich bei unserer Steintafel um eine Grabesinschrift für Verstorbene handelt, müssen wir den Satz anders interpretieren als bei einer biblischen Schrift. Die Rede ist wohl (nach freier Interpretation) von mors, dem Tod. Er ist der fur, also der Dieb. Er stiehlt sozusagen das Leben der Menchen. Das ecce, zu deutsch Sieh/Schau! darf als eine Art Warnung vor dem Tod verstanden werden, der unvorhersehbar kommen kann. Deswegen sind die Glücklichen (Beatus), um nicht vielleicht schon die Glücklichsten zu sagen (dies wäre dann aber sehr frei übersetzt), diejenigen, die den Tod kommen sehen können. Da dies aber mindestens Halbgottgene benötigt, werden wir irdischen Menschen nicht umsonst die mortales, also Sterblichen genannt. Glücklich, davon war sicher auch der Urheber der Inschrift überzeugt, können wir Menschen aber dennoch sein: wenn wir uns der Endlichkeit des Lebens bewusst sind.

Tim Altermatt

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