Freitag, 12. Juni 2015

Ein Stein im Münster


Regen, schon wieder Regen und keine Aussicht auf Besserung. Äussere Umstände die andere schwache Seelen ins Elend treiben würden. Nicht aber mich. Wenn ich meine Wenigkeit kurz vorstellen darf, mein Name ist Stein, Sand Stein. Ich bin ein Stück Basler Geschichte mit Migrationshintergrund, ich stamme nämlich ursprünglich aus Deutschland.
Seit Jahrhunderten stecke ich bewegungslos in der Fassade des Basler Münsters fest, umgeben von unzähligen anderen stummen Zeugen der Geschichte. Mir wurde der Platz oberhalb des Ritters Georg zugeteilt, der immer noch verzweifelt versucht, den Drachen zu töten. Nun gut, lassen wir ihn mal weiter üben und wenden uns meiner Aussicht zu.
 Leicht schräg gegenüber von mir befindet sich das Gymnasium am Münsterplatz. Seit 1589, dem Gründungsjahr dieses Mikrokosmos aus Schülern und Lehrern, beobachte ich sämtliche Facetten des Lebens. Schönes, Lustiges, Schauriges, Dramatisches und Liebenswertes hat sich hier vor meinen Augen schon abgespielt. Mein Körper mag ja aus Stein sein, aber mein Geist lebt. Gerne möchte ich nun über einige Episoden aus meinem Leben erzählen.
Wir schreiben das Jahr 1589. Es ist acht Uhr morgens und die Schüler erreichen pünktlich die Schule. Im Moment ist nichts mehr von der Tragödie zu spüren die sich sieben Jahre zuvor in Basel zugetragen hat. Unzählige Menschen sind damals von der Pest dahingerafft worden.  Die Situation war so schlimm, dass sogar die Schulen ihren Unterricht auf eine Stunde pro Tag beschränkten. Schüler, die von den Eltern nicht zur Schule gelassen wurden, durften nicht bestraft werden  und Schüler, in deren Haus ein Pestkranker lag, durften einen Monat die Schule nicht besuchen.
Noch vor der Gründung dieser schulischen Einrichtung wurde vom grossen Rat in Basel festgelegt, dass die Aufgabe der Erziehung nicht mehr Sache der Kirche, sondern die des Staates ist. Die glücklichen Geschöpfe, die sich seitdem mit dieser Angelegenheit  befassen durften, legten unter anderem fest, dass man während Hinrichtungen vom Unterricht freigestellt wurde … In der heutigen Zeit würde man wohl eher von Gewaltprävention sprechen, indem man den Schülern die Bestrafung eines Verbrechens blutig vor Augen führt. So geschieht es im Jahre 1666, diesmal trifft es wiedermal eine Frau, heute sind die Hexen dran. Dieses Spektakel zieht immer besonders viele Menschen an, sie sind fasziniert von dem ‘Bösen’ das hier brutal und legal vom Leben ins Jenseits befördert wird. Auch die Schüler sollen dem Schauspiel beiwohnen, sie kriegen sogar schulfrei, Abschreckung heisst die Devise.  
Machen wir einen Sprung in unserer Geschichte, ins 18. Jahrhundert. Unter der Statue des Ritter Georg sitzt eine Gruppe von fünf jungen Knaben, die sich angeregt über einen Bericht des Rektors, Johann Bernoulli, dem jüngeren Bruder des berühmten Jakob Bernoulli, unterhalten. Was ich hier aus dem Jahre 1715 zu hören bekomme, erschüttert mich noch bis heute. Die jungen Burschen zitierten Folgendes: “Den Lehrern fehlt es meist an Capazität, Kenntnissen, Treue und Eifer: Einigen hat das hohe Alter Kräfte und Lebendigkeit genommen; an Anderen ist wenig Ernst zu verspüren und ihr Privatnutzen ist ihnen mehr angelegen, als der Schule Wohlfahrt; der kommt zu spät zur Schule, der liest während der Stunde, schreibt, copiert Musikstücke, hört kaum die Knaben ab, geschweige, dass er sie examiniere.
Einige zeigen sich gegen ihre Schüler unfreundlich und moros, nicht anders als mit Schnauben, Pochen, Balgen, mit Schlägen, Zupfen, Rupfen fahren sie die Schüler an und plagen sie; es kam vor, dass sie ihnen Löcher in den Kopf schlugen, das Fleisch der Beeren an den Fingern solchermassen zerquetschten, dass das Blut zwischen den Nägeln herausspritzte, oder ihnen Büschel Haare ausrissen, oder sie sogar mit Füssen traten.” Dazu muss ich meinem Erstaunen über die Kraft der Natur Ausdruck verleihen, die doch aus diesen bemitleidenswerten, geschlagenen Geschöpfen starke Bürger heranwachsen liess.
Noch im Jahre 1766 durften die Schüler im alljährlichen Schulausflug die Weidenbüschel für ihre eigene Rute schneiden, mit der dann die unerhörte Züchtigung von Seiten der Lehrerschaft vonstatten ging. Was für eine Grausamkeit! Ich habe viele rote Hände gesehen und so manches Jammern mitbekommen. Was manchmal noch grösseres Jammern verursachte, waren die Lernberichte, die es schon Anfangs des 19. Jahrhundert gab. So zum Beispiel die noch existierenden, verstaubten Lernberichte von Jakob Burckhardt. So verfasste der ehemalige Französischlehrer, Alexandre Vinet, folgende Linien:
"J.B.: Esprit ouvert et assez vif; écolier intéressant." (Jakob Burckhardt: Offener Geist und ziemlich lebhaft, interessanter Schüler.)
Im darauf folgenden Jahr: "J.B. a beaucoups des moyens, dont il pourrait tirer encore plus de parti." (Jakob Burckhardt hat viele Möglichkeiten, aus denen er noch mehr machen kann.)
Wieder ein Jahr später: "J.B.: Il a de l'imagination et l'esprit très ouvert. Un de ces disciples qui encouragent le maître. Je lui voudrais un peu plus de simplicité; il me paraît savoir trop de choses." (Jakob Burckhardt hat viel Phantasie und einen sehr offenen Geist. Eine von diesen Schülern, die den Lehrer ermutigen. Ich hätte gerne von ihm etwas mehr Einfachheit; es scheint mir als wisse er zu viel)
Noch ein Jahr später: "J.B.: Esprit intélligent et vif, qui s'est déjà emparé beaucoup, peut-être de trop de notations; sa conduite et son application m'ont satisfait." (Jakob Burckhardt: Intelligenter und lebendiger Geist, der sich diesem schon sehr bemächtigt hat, vielleicht zu viel Bemerkungen, sein Verhalten und seine Anwendung haben mich befriedigt.). Na dem Himmel sei Dank....
Gegen Ende meiner Zeitreise in die Vergangenheit möchte ich noch über ein paar Veränderungen der Schule in meiner Nachbarschaft berichten. Der aufmerksame Leser mag sich nun fragen, woher weiss der Stein das? Also ich muss ja nicht erst erwähnen, dass diese Schule den schönsten Pausenplatz von Basel zur Verfügung hat und was machen Schüler auf dem Pausenplatz? Sie schwatzen. So habe ich also viel Interessantes erfahren.
1930 erhielt die Schule den Namen ‘Humanistisches Gymnasium’. Wie ich gehört habe, soll der Name für die Bildungsidee des Gymnasiums stehen.
Jetzt ist es soweit. 1968, was für eine Freude, die ersten Mädchen mischen den Schulbetrieb des Gymnasiums auf. Knabenschule ade.
1973 kommt mir dann auch schon die erste Maturandin entgegen, Glückwunsch.
Auf meine alten Tage muss ich mich dann schon wieder an einen neuen Namen gewöhnen, seit 1997 heisst das Gymnasium nämlich ‘Gymnasium am Münsterplatz’.
Als Stein kann ich sagen, dass Einem gegenüber einer solchen Einrichtung nie langweilig wird. Leute kommen und gehen, es wird renoviert, neu gestaltet und neben all der Arbeit werden auch wunderbare Feste gefeiert.
Vivit!



Aurélie Schmiedlin & Estelle Speich


Bildquelle: Wikipedia

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